Volvo 300er-Serie: Der Niederländer, der einen schwedischen Pass erhielt

Anfang der 1970er Jahre hatte der niederländische Hersteller DAF große Pläne. Das Projekt „DAF 77“ wurde in Eindhoven entwickelt – ein Auto, das als größerer Bruder des Modells 66 die Marke in eine höhere Klasse heben sollte.

Doch bald stellte sich heraus, dass dies für den vergleichsweise kleinen niederländischen Hersteller, der sich zuvor mit dem ersten Serienfahrzeug mit stufenlosem Automatikgetriebe einen Namen gemacht hatte, schlichtweg zu viel war. Man verhandelte mit Mercedes und BMW, doch die Lösung kam schließlich aus dem Norden. 1975 übernahm der schwedische Konzern Volvo die Pkw-Sparte von DAF und führte das Projekt fortan eigenhändig fort. So erblickte 1976 der Volvo 343 das Licht der Welt. Obwohl er in Borne, Niederlande, gefertigt wurde und unter dem Blechkleid viel DAF-Genetik verbarg, sorgte Volvo dafür, dass das Auto die typisch schwedische Robustheit erhielt – eine verstärkte Karosserie, massive Stoßfänger und für damalige Verhältnisse äußerst fortschrittliche Sicherheitslösungen.

Trotz der anfänglichen Investitionen ins Marketing verlief der Marktstart des 343 alles andere als glänzend. Bei seiner Markteinführung war der dreitürige Schrägheckwagen ausschließlich mit einem 1,4-Liter-Motor von Renault erhältlich, der bescheidene 51 kW (70 PS) leistete und mit dem bereits erwähnten DAF-CVT-Getriebe (dem bekannten Variomatic) kombiniert war. Für treue DAF-Kunden war der neue Volvo schlichtweg zu teuer, weshalb sie sich für das kleinere Modell 66 entschieden. Hinzu kam, dass der 343 ein recht schweres Auto war, was zusammen mit dem lauten Getriebe und – trotz seiner im Windkanal entwickelten, aerodynamisch günstigen Form – zu schlechten Fahreigenschaften und hohem Kraftstoffverbrauch führte.

Das änderte sich 1979. Volvo reagierte auf die Marktnachfrage und bot neben einer Version mit Schaltgetriebe auch eine noch praktischere fünftürige Variante namens 345 an. Der Verkauf begann. In den folgenden Jahren modernisierten die Schweden die Modellpalette umfassend. Sie ergänzten sie um stärkere 1,7- und 2,0-Liter-Benzinmotoren, einen 1,6-Liter-Dieselmotor und sogar eine elegante viertürige Limousine. 1982 wurden die Bezeichnungen vereinfacht: Die Modelle mit kleineren Motoren hießen nun Volvo 340, während die prestigeträchtigeren und leistungsstärkeren Zweiliter-Versionen die Bezeichnung Volvo 360 erhielten.

Im hart umkämpften C-Segment musste sich Volvo gegen Schwergewichte wie den Volkswagen Golf, den Ford Taunus und den Opel Ascona behaupten. Obwohl er anfangs nicht der günstigste war, überzeugte er die Käufer mit seinen bewährten Stärken: Zuverlässigkeit, Geräumigkeit und Sicherheit. Der schwedische Hersteller erwies sich als absoluter Verkaufsschlager; auf seinem Heimatmarkt in den Niederlanden wurde er zum meistverkauften Volvo seiner Zeit und übertraf sogar Verkaufsschlager wie den Peugeot 205 und den Fiat Uno.

Die Geschichte der 300er-Serie ist reich an interessanten Sondermodellen. Für die niederländische Post wurde eine Lieferwagenversion des 345 VAN gefertigt, und für die örtliche Polizei entstanden spezielle 340 DL-Modelle. Diese verbargen zwar einen leistungsstarken 2,0-Liter-Motor unter der Haube, verzichteten aber im Innenraum komplett auf den Luxus der 360er-Modelle. Für Autoliebhaber war der Volvo 360 GLT von 1982 zweifellos der heilige Gral. Dieses Sportmodell wurde von einem 2,0-Liter-Einspritzmotor angetrieben, der damals beachtliche 85 kW (116 PS) leistete (später aufgrund von Umweltauflagen auf 81 kW/110 PS bzw. 82 kW/112 PS reduziert). Mit einer Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 10,5 Sekunden und einem Schaltgetriebe war er so dynamisch, dass er sogar eine eigene Rennserie ins Leben rief: den Volvo 360 Green Modena Cup.

Die 300er-Serie nimmt einen besonderen Platz in der Automobilgeschichte ein. Sie markierte das Ende der Ära der Massenproduktion niederländischer Pkw. Für Volvo bedeutete dieses Modell einen der wichtigsten strategischen Sprünge der Unternehmensgeschichte, da es erfolgreich in die Kompaktklasse einstieg und eine völlig neue Kundengeneration gewann. Als die Produktion der 300er-Serie 1989 allmählich auslief, stand bereits ihr Nachfolger bereit – die ebenfalls in den Niederlanden entwickelte 400er-Serie, die den Weg für die erfolgreichen Modelle S40 und V40 der 1990er-Jahre ebnete.

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