Mercedes 300 (W 186): Dieser Adenauer ist rot.

Erinnern Sie sich noch an das Gefühl eines Neubeginns? Im Mythosraum 4 des Mercedes-Benz Museums in Stuttgart liegt Rock 'n' Roll in der Luft. Er bildet die Klangkulisse für ein Fahrzeug, das vor genau 75 Jahren (wenn man die ersten Entwürfe mitzählt) viel Aufsehen erregte: den Mercedes 300, intern bekannt als Baureihe W 186.

Das dort ausgestellte Exemplar fällt sofort ins Auge. Es ist nicht im üblichen, würdevollen Schwarz lackiert, sondern in einem leuchtenden Mittelrot (Farbcode DB 516). Das ist eine Seltenheit, da die meisten der 6.214 Fahrzeuge der ersten Serie das Werk in gedeckteren Farben verließen. Doch unabhängig von der Farbe: Die schiere Größe und die imposante Frontpartie vermittelten 1951 unmissverständlich: Hier kommt der Chef.

Was die prominenten Fahrer betrifft: Die Liste ist lang, doch ein Name ist so eng mit diesem Auto verbunden wie Chrom mit einer Stoßstange. Konrad Adenauer, der erste Bundeskanzler, schätzte den Wagen so sehr, dass der W 186 im Volksmund kurzerhand „Adenauers Mercedes“ genannt wurde. Adenauer nutzte während seiner 14-jährigen Kanzlerschaft insgesamt sechs Fahrzeuge der Baureihe 300, von denen das letzte, aus dem Jahr 1959, heute im Mercedes-Werksmuseum zu sehen ist.

Die Designer und Karosseriebauer verliehen dem 300 bis ins kleinste Detail ein elegantes und repräsentatives Design. In einem Artikel über die neue repräsentative Limousine im Februar 1952 lobte die britische Zeitschrift „Autocar“: „Die Mercedes-Benz-Karosserien werden in der renommierten Karosseriebauwerkstatt in Sindelfingen gefertigt und zeichnen sich durch ihre stilistische Kontinuität in Verbindung mit unprätentiösen Linien aus.“ Die brillante Lösung: Die dynamische Wölbung des Kotflügels setzt sich bis zu den Vordertüren fort. Die Chromleisten an den vorderen Kotflügeln enden in Klarglas statt in Gelb – ein für die 50er-Jahre ungewöhnliches Detail.

Werfen wir einen Blick in den Innenraum eines roten 300er von 1952. Hier trifft meisterhafte Handwerkskunst auf eine heute kaum noch zu findende, edle Materialauswahl. Holz dominiert Armaturenbrett und Fensterrahmen, die Polsterung ist eine angenehm feste Mischung aus feinem Stoff und Kunstleder. Besonders charmant: das Becker-Radio „Nürburg“ mit Chromknöpfen und der große, elfenbeinfarbene Kunststoff-Lenkradkranz. Der Tachometer reicht bis 160 km/h. 1951 klang das fast nach Science-Fiction, denn der Durchschnittsdeutsche fuhr damals noch gemächlich mit seinem VW Käfer und dessen bescheidenen 25 PS über Landstraßen.

Unter der langen Motorhaube arbeitete ein 3-Liter-Reihensechszylinder mit 85 kW (115 PS). Damit war der 300 nicht nur der größte, sondern auch der schnellste deutsche Serienwagen seiner Zeit. Mit einer Höchstgeschwindigkeit von 155 km/h eignete er sich hervorragend für lange Strecken. Spätere Versionen, wie der W 189 (ab 1957), waren sogar mit Saugrohreinspritzung ausgestattet.

Ein echtes Highlight damals wie heute: der nach Keipers Patent verstellbare Fahrersitz. Was heute Standard ist, war damals purer Luxus. Die Rückenlehne ließ sich individuell neigen – ein Meilenstein in Sachen Komfort auf langen Fahrten. Wer genauer hinsah, entdeckte den Rückspiegel nicht an der Scheibe, sondern auf einem gebogenen Chromsockel am linken Kotflügel.

„Unübertroffen … und dennoch erschwinglich“, so lautete der Mercedes-Slogan. Nun ja, „erschwinglich“ ist relativ. Als der Mercedes 1951 auf den Markt kam, verlangte Daimler-Benz stolze 19.900 DM. Zum Vergleich: Ein VW Käfer kostete damals rund 4.400 DM. Das durchschnittliche Monatsgehalt lag bei etwa 300 DM. Es bedurfte eines wirtschaftlichen Wunders, um dieses Auto erschwinglich zu machen. Dennoch war er ein Erfolg und festigte den Ruf der Marke als „Elite der Automobile“, wie das amerikanische Magazin „Road & Track“ 1954 treffend bemerkte.

Diese legendäre Limousine teilt die magische Zahl 300 mit anderen Mercedes-Modellen jener Zeit, die ebenfalls vom kraftvollen Dreiliter-Sechszylinder-Reihenmotor angetrieben wurden: dem 300 S Coupé, Cabriolet und Roadster (W 188, 1952 bis 1955) sowie dem legendären 300 SL (W 198, 1954 bis 1963). Wer diesen Meilenstein der deutschen Automobilgeschichte hautnah erleben möchte, kann dies im Mercedes-Benz Museum tun (Dienstag bis Sonntag, 9–18 Uhr). Insbesondere das rote Exemplar aus Mainz beweist, dass Luxus nicht schwarz sein muss, um Eindruck zu machen.

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Bojan Vrbnjak
Bojan Vrbnjak
F1-Enthusiast, Golf, Reiseliebhaber und Amateurfotograf.

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