Vergessene Studien: der Škoda 760 ID von 1973

Kennen Sie das? Sie haben eine geniale Idee, die richtigen Partner an Bord und sogar einen der besten Designer der Welt unter Vertrag – doch am Ende scheitert alles an hartnäckiger Politik. Kaum ein anderes Kapitel in der Geschichte der Automobilindustrie des ehemaligen Ostblocks veranschaulicht so schmerzlich, was aus dem 760er-Projekt hätte werden können. Im Fokus: der Škoda 760 ID von 1973.

Um zu verstehen, warum dieses Auto so besonders war, müssen wir die Zeit zurückdrehen. Wir schreiben das Jahr 1971. Während der VW Golf im Westen noch in den Kinderschuhen steckte, spitzte sich die Lage hinter dem Eisernen Vorhang zu. Planer in der Tschechoslowakei und der DDR erkannten, dass ihre Klassiker – der Škoda 100, der Wartburg 353 und der Trabant 601 – langsam aber sicher technisch veraltet waren. Die Lösung: ein gemeinsames Projekt, das sogenannte „RGW-Auto“.

Die Vision war ambitioniert: eine gemeinsame Plattform für alle drei Marken. Škoda sollte die Motoren (moderne Viertakter!) und das Getriebe liefern, während Ingenieure aus Zwickau und Eisenach in der DDR ihr Know-how im Bereich Frontantrieb einbrachten. Doch Technik ist das eine, Aussehen das andere. Und hier kam ein Mann ins Spiel, dessen Name heute Legende ist: Giorgetto Giugiaro.

Italdesign war bereits für den Škoda 720 (der ebenfalls floppte) tätig. Giugiaro nahm den Entwurf für die 760er-Serie erneut in die Hand. Das Ergebnis, 1973 in Form des vierten Prototyps namens Škoda 760 ID präsentiert, war eine echte Offenbarung.

Betrachten wir das Design: eine elegante, schnörkellose Limousine mit einem für ihre Zeit fortschrittlichen Stufenheck. Mit einer Länge von rund 4,26 Metern und einem Radstand von 2,48 Metern bot der Wagen ausreichend Platz für die gesamte sozialistische Kleinfamilie. Unter der Haube des 760 ID arbeitete ein 1,1-Liter-Vierzylinder-OHC-Motor mit einer Leistung von rund 50 PS. Dieser war für die damalige Zeit durchaus konkurrenzfähig und besiegelte das Ende der in die Jahre gekommenen Zweitaktmotoren aus Zwickau. Der Name am Heck: Škoda 1100.

Warum also parkte dieser elegante tschechische Wagen im italienischen Anzug nie in einer (ost-)deutschen Garage? Wie so oft im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) fraß die Bürokratie ihre eigenen Kinder auf. Das Projekt war ein logistischer Albtraum: Motoren aus Mladá Boleslav, Achsen aus der DDR, Montage hier und da – die Bahnstrecken waren überlastet, und die Investitionskosten enorm.

Bereits 1973, kurz nach Fertigstellung von Giugiaros Prototyp, geriet das politische Fundament ins Wanken. In der DDR hieß es plötzlich, die Angelegenheit sei „noch zu früh für eine Entscheidung“. Man fürchtete die Kosten und den Einfluss tschechischer Technologie. 1974 wurde das Projekt offiziell eingestellt. Während Škoda zumindest einen Teil des Know-hows in den späteren Modellen 105/120 (Rapid und verwandte Modelle) nutzen konnte, blieb den Kollegen in Eisenach und Zwickau nichts als Enttäuschung – sie mussten ihre alten Modelle bis zum Fall der Berliner Mauer weiterproduzieren.

Heute ist der Škoda 760 ID im Škoda-Museum in Mladá Boleslav ausgestellt und weckt in uns nostalgische Gefühle. Er wirkt nicht wie ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, sondern wie ein modernes Auto, dem man lediglich das Logo eines westlichen Herstellers verpassen müsste, um es als Produkt der späten 70er-Jahre zu bezeichnen.

Es ist ein Denkmal aus Stein – oder besser gesagt: aus Blech –, das beweist, dass die Ingenieure im Osten genau wussten, wie ein gutes Auto aussehen sollte. Nur durften sie es nicht. Und so bleibt der 760 ID einer jener „Was wäre wenn“-Momente der Automobilgeschichte, über die wir immer wieder gerne nachdenken.

Wenn Sie mit uns mitdenken möchten: Im einzigartigen Ambiente der historischen Fabrikhalle aus dem Jahr 1913 hat das Škoda-Werksmuseum eine neue Ausstellung mit dem Titel „Konzepte enthüllt“ eröffnet. Škoda bietet Besuchern damit die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen der Geschichte zu werfen und einen weiteren Teil seiner Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die neu eröffnete Halle präsentiert 31 Konzepte, Studien und Prototypen.

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Bojan Vrbnjak
Bojan Vrbnjak
F1-Enthusiast, Golf, Reiseliebhaber und Amateurfotograf.

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