TEST: Zeekr X Privilege AWD: Die richtigen Zutaten für einen anderen Ansatz

Angesichts der Flut neuer chinesischer Autos und Marken, die innerhalb von nur etwas über einem Jahr auf unseren Markt gekommen sind, wird es immer schwieriger, den Überblick zu behalten. Wir Menschen neigen eben zu selektivem Gedächtnis – wir erinnern uns nur an das, was positiv (oder negativ) aus der Masse heraussticht. Zeekr X tut dies definitiv. Und zwar im positiven Sinne.

Grundpreis: 47.990 €
Preis des Testfahrzeugs: 49.590 €

+ brutale Beschleunigungen,

+ ausgewogenes Chassis,

+ Innenraum

+ ausgewählte Materialien und hohe Verarbeitungsqualität,

+ geräumige Rückbank,

+ Sitzplätze,

+ umfangreiche Ausstattung

+ Soundsystem

+ Kamerasystem

+ Bedienung der Assistenzsysteme und deren einfache Deaktivierung,

+ 22 kW Wechselstrom-Ladeleistung

+ Einzelpedaloption

-Überfluss an Energie hat seinen Preis für Reichweite,

-relativ kleiner Stamm,

-einige ergonomische Inkonsistenzen,

-ohne Fahrgastraum,

-Steuerung über Bildschirm,

-zu wenig Rückmeldung am Lenkrad,

-Endpreis

Die Automobilindustrie zählt zu den am weitesten entwickelten und härtesten Branchen der Welt – unabhängig davon, ob es sich um die günstigsten oder teuersten Autos handelt, die man sich mit hart verdientem Geld leisten kann. Besonders hart umkämpft ist der Markt im mittleren Preissegment, wo etablierte Traditionsmarken zunehmend Statussymbole statt Autos verkaufen. Neuere, meist chinesische Marken sind daher gezwungen, Kunden auf andere Weise zu gewinnen: entweder mit einem attraktiveren Preis oder mit einem anderen Ansatz. Zeekr (ausgesprochen: Zikr) hat sich mit seinem kleinsten Modell, dem Model X, für Letzteres entschieden.

Bevor wir zum eigentlichen Test kommen, müssen wir etwas klären: Was genau ist Zeekr? Es handelt sich um eine chinesische Premiummarke mit schwedischen Wurzeln, die zum Geely-Konzern gehört und im November letzten Jahres in unseren Markt eingetreten ist, obwohl sie erst 2021 gegründet wurde. In nur fünf Jahren hat Zeekr es geschafft, mehr als neun Modelle weltweit auf den Markt zu bringen und bis September letzten Jahres über 550.000 Fahrzeuge abzusetzen. Wohlgemerkt – diese Zahlen wurden in nur fünf Jahren erreicht! Nun will Zeekr auch in Europa ein Stück vom Kuchen abhaben, den sie bis Ende letzten Jahres noch gar nicht richtig angegangen sind.

Der Zeekr X ist gewissermaßen der technische Zwilling des Volvo EX30, da beide Marken zum Geely-Konzern gehören. Sie teilen sich viele Komponenten, darunter Plattform, Antrieb und Fahrwerk, aber nicht das Design. Schon beim ersten Anblick fragt man sich, ob es sich nun um einen Schrägheckwagen oder einen Crossover handelt. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen: Das aggressive und robuste Design erinnert an Crossover, während die relativ niedrige Dachlinie und die Bodenfreiheit von 17 Zentimetern etwas ganz anderes vermuten lassen. Der Zeekr X mag mit seinem Erscheinungsbild polarisieren, aber er wird niemanden kalt lassen. Da es sich um ein Auto chinesischer Herkunft handelt, finden sich auch einige Design-Kitschelemente, wie beispielsweise der beleuchtete Zeekr-Schriftzug am Heck.

Das Exterieur bietet zudem eine besondere und praktische Innovation, die zunächst verborgen bleibt – sie erscheint erst beim Entriegeln des Fahrzeugs. Ein kleiner, runder Bildschirm ist in der B-Säule auf der Fahrerseite integriert. Er begrüßt den Fahrer beim Einsteigen und zeigt während des Ladevorgangs wichtige Informationen zum aktuellen Ladevorgang an. Selbst wenn der sogenannte „Hundemodus“ auf dem zentralen Bildschirm aktiviert ist, der optimale Bedingungen für Ihren Vierbeiner im Fahrzeug schafft, während Sie schnell einkaufen gehen, erscheint eine Grafik auf dem Außendisplay. Diese signalisiert Passanten, dass es Ihrem Hund gut geht, auch wenn er allein im Auto ist.

Beim Einsteigen in den Fahrgastraum des Zeekr überrascht man angenehm mit einem modernen und minimalistischen Cockpit, das von extrem hochwertigen und angenehm anzufassenden Materialien dominiert wird. Die Materialien, einschließlich der Verarbeitungsqualität, sind sogar besser als in vielen doppelt so teuren Fahrzeugen – praktisch jede Oberfläche, die der Nutzer berührt (oder auch nicht), ist hervorragend verarbeitet. Besonders beeindruckend sind die Metallabdeckungen der Yamaha-Lautsprecher und der mit Mikrofaser bezogene Dachhimmel. Auch das vegane Leder, mit dem die beheiz- und kühlbaren Sitze bezogen sind, fühlt sich so angenehm an, dass es selbst in einem deutlich teureren Fahrzeug Lob verdient. Die Mitte des Armaturenbretts wird von einem großen 14,6-Zoll-Bildschirm mit CSD-Technologie eingenommen, während die Instrumente von einem schmalen 8,8-Zoll-Bildschirm übernommen werden, der fest an der Lenksäule montiert ist – so hat der Fahrer unabhängig von der Lenkradposition immer freie Sicht darauf. Das Privilege-Paket umfasst zudem ein riesiges 24,3-Zoll-Head-up-Display, das neben der Geschwindigkeit auch Navigations- und Reiseassistenzfunktionen anzeigt. Insgesamt bietet der Innenraum eine äußerst komfortable und angenehme Atmosphäre zum Verweilen.

Trotz des vielen Lobes weist der Innenraum einige Mängel auf. Das zentrale Display reagiert zwar schnell und ist recht logisch aufgebaut, wirkt aber aufgrund des völligen Fehlens physischer Schalter mit Informationen überladen. Nahezu alles, von der Klimaanlage bis zur Einstellung der Empfindlichkeit der automatischen Scheibenwischer, muss über den Bildschirm gesteuert werden, was während der Fahrt sehr störend ist. Auch die Sprachsteuerung funktioniert nicht optimal, und ZeekrGPT, ein KI-basierter Dienst, ist kostenpflichtig. Die Aussparung für kabelloses Laden in der Mittelarmlehne erscheint auf den ersten Blick praktisch, erweist sich in der Praxis jedoch als kontraproduktiv. Aus unerfindlichen Gründen funktioniert sie sehr unzuverlässig (getestet mit verschiedenen Geräten), und selbst wenn sie funktioniert, erhitzt sich das Handy aufgrund der geschlossenen Bauweise des Ladegeräts trotz Kühlung stark. Auch die Position des Türöffners ist aus ergonomischer Sicht ungünstig.

Wie man es von Autos chinesischer Herkunft gewohnt ist, bietet der Zeekr X im Fond etwa so viel Platz wie europäische Konkurrenten der nächsthöheren Klasse. Der Einstieg ist komfortabel, und angesichts der Fahrzeuggröße ist das Platzangebot überraschend großzügig. Mit meinen 1,82 Metern saß ich selbst sehr bequem in der Rückbank, selbst nachdem der Fahrersitz auf meine Fahrposition eingestellt war. Apropos Vordersitze: Sie sind nicht nur optisch ansprechend und fühlen sich angenehm an, sondern bieten auch ausreichend Seitenhalt und genügend Platz, selbst für Personen, die nicht gerade zierlich gebaut sind. Es würde mich nicht wundern, wenn ein Volvo-Ingenieur an ihrer Entwicklung beteiligt gewesen wäre.

Die großzügig dimensionierte Rückbank geht auf Kosten des Kofferraums. Mit 362 Litern Volumen ist er über hundert Liter kleiner als der des Volkswagen Golf, dessen Außenmaße deutlich kleiner sind als die des Zeekr X. Unter der Frontabdeckung befindet sich ein kleiner, 21 Liter fassender Kofferraum (Frunk). Klein ist hier Programm – wenn Sie kein Origami-Meister sind, werden Sie nicht einmal ein Ladekabel darin unterbringen können.

Nach den ersten Kilometern wird deutlich, dass die Marke trotz ihrer Jugend die Wünsche europäischer Autofahrer voll und ganz versteht. Am beeindruckendsten ist das außergewöhnlich gut ausbalancierte Fahrwerk. Es ist etwas straffer abgestimmt, meistert aber dennoch die Unebenheiten slowenischer Straßen souverän. Dank der 20-Zoll-Räder stellen kurze, aufeinanderfolgende Schlaglöcher die größte Herausforderung dar, da die Stöße gelegentlich etwas stärker in den Innenraum übertragen werden. Dennoch würde ich den Gesamtkomfort als sehr gut, vielleicht sogar erstklassig, bezeichnen.

Andererseits enttäuscht die gefühllose Lenkung, da sie unabhängig von der gewählten Einstellung kein zufriedenstellendes Feedback liefert. Sie ähnelt stark der Lenkung von Tesla-Fahrzeugen. Bei dynamischen Fahrmanövern schlägt sich der Zeekr X überraschend gut – die Seitenneigung ist zwar spürbar, aber keineswegs störend, und dank des Allradantriebs hält das Fahrzeug die vorgegebene Richtung wie ein Brett. Selbst wenn der Fahrer im falschen Moment die vollen 315 Kilowatt (oder umgerechnet 428 PS) abruft, greift die Sicherheitselektronik schnell und entschieden ein, ohne dabei aufdringlich zu wirken.

Apropos Elektronik: Wie jedes moderne Auto, insbesondere eines mit chinesischen Wurzeln, ist auch der Zeekr X mit zahlreichen fortschrittlichen Assistenzsystemen ausgestattet – vom einfachen Spurhalteassistenten (der mitunter etwas aufdringlich wirken kann) bis hin zum teilautonomen Fahren auf der Autobahn mit automatischem Spurwechsel. Letzteres System hat uns besonders beeindruckt: Es wechselt die Spur schnell und entschlossen und passt sich dank zuverlässiger Verkehrszeichenerkennung gleichzeitig den Geschwindigkeitsbegrenzungen an. Das ist zwar nichts Neues, aber von allen Systemen dieser Art, die ich getestet habe, ist es eines der zuverlässigsten und nützlichsten. Lobenswert ist auch, dass sich die störendsten Assistenzsysteme schnell und einfach per Tastendruck deaktivieren lassen. Dazu gehört beispielsweise die Konzentrations- und Müdigkeitserkennung, die sich bei vielen Konkurrenzmodellen gar nicht deaktivieren lässt.

Das Testfahrzeug, das stolz die Bezeichnung „Privilege AWD“ trägt, repräsentiert die absolute Spitze der Modellreihe. Das bedeutet zweierlei: Erstens ist es mit nahezu jeder erdenklichen Ausstattung versehen, und zweitens ist es brutal schnell. Sie glauben uns nicht? In dieser Konfiguration lässt der Zeekr X legendäre Sportwagen wie die Corvette C7 Stingray, den Porsche Carrera GT und sogar den Ferrari F50 im Sprint von null auf hundert Kilometer pro Stunde hinter sich. Selbst der Jaguar XJ220, der in den 90er-Jahren stolz den Titel des schnellsten Serienwagens der Welt trug, würde im Ampelrennen nur noch die Rücklichter unseres Test-Zeekr im Blick haben. Ja, 3,8 Sekunden auf hundert sind eine geradezu brutale Zahl, insbesondere wenn man bedenkt, dass der Zeekr X nur ein kompakter Familienwagen und kein kompromissloser Sportwagen ist.

Wer die volle Kapazität nutzt, muss schnell wieder laden – der Verbrauch steigt dann rapide an und die Reichweite sinkt deutlich. Selbst im normalen Fahrbetrieb ist der Verbrauch aufgrund des zusätzlichen Elektromotors an der Vorderachse nicht optimal. Mit Sommerreifen und guten Wetterbedingungen auf der Autobahn liegt der Verbrauch bei etwa 22 kWh/100 km, auf Landstraßen sinkt er auf rund 19 kWh/100 km. In unserem Test verbrauchte der Zeekr X durchschnittlich rund 20 kWh/100 km, was in Kombination mit dem Akku mit einer Nettokapazität von 64 kWh für eine Reichweite von 320 km ausreichte. Das genügt für den Alltag, ist aber nicht ausreichend für regelmäßige längere Strecken – insbesondere auf der Autobahn, wo man mit einer Ladung nur knapp 290 km zurücklegt. Zum Aufladen kann der Zeekr X mit bis zu 150 kW Gleichstrom (DC) geladen werden, wodurch der Akku in knapp einer halben Stunde von 20 auf 80 % geladen werden kann. Interessanterweise übertrafen wir in unserem Test sogar die versprochene Leistung, da wir mit 160 kW laden konnten. Das kommt in unseren Tests nicht oft vor. Das umfangreichste Ausstattungspaket Privilege AWD beinhaltet außerdem ein leistungsstarkes 22-kW-Wechselstromladegerät, während die anderen Pakete ein Standard-11-kW-Ladegerät bieten.

Insgesamt ist der Zeekr X eine gelungene Verschmelzung chinesischer und schwedischer Automobilkultur und bietet mit seinem kraftvollen Antrieb, dem hochwertigen Interieur und der souveränen Straßenpräsenz genau das, was europäische Käufer suchen. Ich habe jedoch einen Tipp für potenzielle Käufer: Wenn Allradantrieb für Sie nicht unbedingt notwendig ist, wählen Sie die Version mit Hinterradantrieb (Long Range RWD). Sie ist nicht nur 4.000 Euro günstiger, sondern bietet dank ihres geringeren Kraftstoffverbrauchs genau das, was der Name verspricht – eine größere Reichweite. Zwar ist die Beschleunigung der Allradversion deutlich brachialer, aber ehrlich gesagt im Alltag völlig überflüssig.

TECHNISCHE DATEN
MOTORAnzahl der Motoren – 2; Leistung – 315 kW; Drehmoment 543 Nm;
BATERIJALi-Ionen; Kapazität (brutto) – 69,0 kWh; Kapazität (netto) – 64,0 kWh; Ladeleistung (AC) – 22 kW; Ladezeit (20 %-80 %, AC) – 02:04; Ladeleistung (DC) – 150 kW; Ladezeit (20 %-80 %, DC) – 28,75 min;
KAROSSERIE5-türiger Crossover; Anzahl der Sitze – 5; Abmessungen (L/B/H) – 4.432 mm x 1.836 mm x 1.566 mm; Gesamtbreite mit Außenspiegeln – 2.029 mm; Radstand – 2.750 mm; Spurweite vorn – 1.588 mm; Spurweite hinten – 1.593 mm;
INNERE ABMESSUNGENKofferraum – 362 l; Frunk – 21 l;
CHASSISBremsen – Scheibenbremsen vorne und hinten; Vorderreifen – 245/45R20; Hinterreifen – 245/45R20; Wendekreis – 11,5 m;
MASSEGewicht – 1.860 kg; Zuladung – 370 kg; zulässiges Gesamtgewicht – 2.230 kg;
KAPAZITÄTBeschleunigung – 3,8 s auf 100 km/h; Höchstgeschwindigkeit – 190 km/h; WLTP-Verbrauch – 16,7 kWh/100 km; Reichweite – 437 km;

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